Die Pommersche Population des Seggenrohrsängers (Acrocephalus paludicola) - Habitatwahl und Habitatmanagement.

Zusammenfassung

Der Seggenrohrsänger (Acrocephalus paludicola) ist die einzige global bedrohte Singvogelart Kontinentaleuropas. Noch um 1900 gehörte er zu den häufigsten Vogelarten der europäischen Niedermoore. Im Laufe des 20. Jh. brach die Weltpopulation aufgrund von Habitatverlust durch Moorentwässerung und landwirtschaftliche Intensivierung zusammen. Aktuell besteht die Weltpopulation nur noch aus ca. 12 500 singenden Männchen, von denen die Kernpopulation (ca. 90%) in Weißrussland, Ostpolen und in der Ukraine brütet. Die kleine und geographisch isolierte Pommersche Population (Nordost-Deutschland/Nordwest-Polen, aktuell 80 singende Männchen) stellt den letzten Rest eines vormals großen Vorkommens im westlichen Mitteleuropa dar und ist akut vom Aussterben bedroht. Ihr Schutz hat hohe Priorität, die sich z.B. in einem CMS Memorandum of Understanding (2003) widerspiegelt.

Hauptanliegen dieser Arbeit war es, die wissenschaftliche Basis für den Schutz und die Wiederherstellung von Habitaten der pommerschen Seggenrohrsänger auszuarbeiten. Deren geringe Kenntnis hat - im Gegensatz zur gut untersuchten Kernpopulation - Schutz-maßnahmen bisher erschwert. Da Sukzession als Hauptgrund für die Habitatverschlechterung vermutet wurde, wurden insbesondere Vegetations- und Standortparameter als Schlüsselfaktoren der Habitatwahl, die besten noch verfügbaren Habitatbedingungen sowie diese erhaltende bzw. wiederherstellende Landnutzungsformen untersucht.

Während der Brutsaisons 2004-2006 wurden alle aktuell vom Seggenrohrsänger besiedelten pommerschen Gebiete sowie viele kürzlich von der Art aufgegebene und potentiell geeignete Gebiete untersucht. Daten zur Vegetationsstruktur (z.B. Vegetations- und Streuschichthöhe, Vegetationsdichte), Boden- und Nährstoffverhältnissen, Arthropodenfauna, Landnutzung und Habitat-Heterogenität wurden in Hinblick auf das Vorkommen von singenden Männchen analysiert. Außerdem wurden die Nistplatzwahl und das Fütterungsflugverhalten des Weibchens und die Nahrung der Nestlinge (mittels einer Surrogatart) untersucht.

Anhand der detaillierten Analyse aller aktuellen Brutgebiete wurde deutlich, dass die weniger nährstoffreichen küstennahen Gebiete Schilfvegetation mit einer gut entwickelten Krautschicht aufweisen (z.B. das Rozwarowo-Moor, das größte Brutgebiet der pommerschen Population) und dass die Gebiete im unteren Odertal nährstoffreicher sind und eine charakteristische Vegetation aus Carex acuta, Phalaris arundinacea und Wiesengräsern aufweisen (z.B. der Nationalpark Unteres Odertal, das letzte Brutgebiet der Art in Deutschland).

Wie in der Kernpopulation weisen optimale Gebiete im späten Mai/frühen Juni eine unter 70 cm hohe, schüttere Vegetation mit einer Deckung der unteren Krautschicht von ca. 20% und der oberen Krautschicht von weniger als 60% auf. Im Gegensatz zu den Kernpopulations-Habitaten, in denen die Wasserhöhe bis zu 20 cm beträgt und eine dicke Streuschicht für den Bau von Nestern über dem Wasserniveau benötigt wird, ist die Wasserhöhe nur 0-1 cm und die Dicke der Streuschicht unter 10 cm. Dies hängt wahrscheinlich mit dem besseren Nahrungsangebot auf relativ trockenen Flächen mit geringer Streuschicht zusammen. Ebenfalls anders als bei der Kernpopulation ist die Habitat-Heterogenität hoch, und das Weibchen bevorzugt bestimmte Bereiche mit einem Höhensprung in der Vegetation (Mahdkanten, Gräben) und feuchtere Bereiche (Gräben, Senken) für die Futtersuche. Die Distanz zwischen diesen Bereichen mit ausreichendem Nahrungsangebot und den Nistplätzen verursacht (möglicherweise ungünstige) längere Suchflüge, erlaubt aber immer noch erfolgreiche Bruten. Eine vertiefende Analyse der Nistplätze und des Bruterfolgs sowie eine Analyse der Populationsentwicklung und -dynamik werden empfohlen.

Die Nährstoffbedingungen in aktuellen und potentiellen Seggenrohrsänger-Lebensräumen beeinflussen stark das für den Erhalt oder die Wiederherstellung notwendige Management. In den nährstoffreicheren Gebieten wird eine frühe Sommernutzung benötigt, um die Habitatverschlechterung zu höherer und dichterer Vegetation zu verhindern. Da diese gleichzeitig die Bruten gefährdet, wird die Schaffung eines Mosaiks aus früh und spät genutzten Flächen durch alternierende Landnutzung empfohlen. Ein solches Mosaik bietet auch eine Vielzahl von Kanten, einem bevorzugten Bereich zur Futtersuche. In den weniger nährstoffreichen Gebieten kann eine Wintermahd mit ungemähten Streifen (zur Verbesserung des Angebots an Nahrungs- und Nistmaterial) derzeit geeignete Bedingungen erhalten. Eine Eutrophierung sollte verhindert und zur Habitatwiederherstellung sollte Sommermahd eingesetzt werden. Derartige 'nasse' Landnutzung auf Mooren (Paludikultur) bietet eine Vielzahl von positiven Effekten in Bezug auf Klima, Biodiversität und lokale Sozioökonomie.

Untersuchungsgebiet

Alle aktuellen und mehrere kürzlich aufgegebene Brutgebiete des Seggenrohrsängers auf deutscher und polnischer Seite des Unteren Odertals.

Status

abgeschlossene Dissertation

Literatur

  • Tanneberger F, Bellebaum J, Dylawerski M, Fartmann T, Jurzyk S, Koska I, Tegetmeyer C, Wojciechowska M (2011): Habitats of the globally threatened Aquatic Warbler (Acrocephalus paludicola) in Pomerania – site conditions, flora, and vegetation characteristics. Plant Diversity and Evolution 129: 253-273.
  • Oppel S, Pain DJ, Lindsell J, Lachmann L, Diop I, Tegetmeyer C, DOnald PF, Anderson G, Bowden CGR, Tannberger F, Flade M (2011): High variation reduces the value of feather staple isotope ratios in identifying new wintering areas for aquatic wablers in West Africa. Journal of Avian Biology 42: 342-354.
  • Tanneberger F, Flade M, Preiksa Z, Schröder B (2010) Habitat selection of the globally threatened Aquatic Warbler at the western margin of the breeding range and implications for management. Ibis 152: 347-358.
  • Tanneberger F, Tegetmeyer C, Dylawerski M, Flade M, Joosten H (2009): Slender, sparse, species-rich – winter cut reed as a new and alternative breeding habitat for the globally threatened Aquatic Warbler. Biodiversity and Conservation 18: 1475-1489.
  • Tanneberger F, Bellebaum J, Helmecke A, Fartmann T, Just P, Jehle P, Sadlik J (2008): Rapid deterioration of aquatic warbler Acrocephalus paludicola habitats at the western margin of its breeding range. Journal of Ornithology 149 (1):105-115.
  • Tanneberger F, Flade M & Joosten H (2005): An Introduction to Aquatic Warbler conservation in Western Pomerania. In: Kotowski W (ed.): Anthropogenic influence on wetlands biodiversity and sustainable management of wetlands. WETHYDRO Monographs. Warsaw Agricultural Press, Warsaw. p. 97-106.