Wagendorf Alt Ungnade – am Fuß des Regenbogens?

Commoning und Utopie im Wagendorf Alt Ungnade

Lernen aus gemeinschaftlichen Transformationsprozessen und utopischem Denken in einer kleinen intentionalen Gemeinschaft

Fallstudie und Masterprojekt von Sarah Holzgreve, 2016–18 (abgeschlossen)

Artensterben, Klimawandel und scheiternde internationale Entwicklungsziele stellen fortgesetztes Wirtschaftswachstum und die vorherrschenden Mensch-Natur-Verhältnisse in Frage. Der Ruf nach einer sozial-ökologischen „großen Transformation“ und einer Neudefinition des „guten Lebens“ wird lauter (WBGU 2011). Utopisches Denken als Methode (Thapa 2016; Levitas 2013) fragt nach bestehenden Werten und Grundsätzen, um auf dieser Grundlage das Leben in positiven Zukünften zu skizzieren. Damit ist utopisches Denken eine sinnvolle Ergänzung der Umweltethik bei der Suche nach einem anderen Umgang mit Natur, und birgt Potentiale für die Transformationsforschung bei der Suche nach Wegen in eine zukunftsfähige Gesellschaft. Experimentalräume und Inspirationen für diesen Prozess finden sich u.a. in intentionalen Gemeinschaften und lokalen Gemeingüterökonomien (eng. Commons) (vgl. Ostrom 2009; Unmüßig 2012; Helfrich 2014; Würfel 2014), die jenseits des freien Marktes in selbstbestimmten Strukturen nach eigenen Regeln Leben und Wirtschaften. 

Das kulturell und ökologisch ausgerichtete Wagendorf FreirAUm e.V. ist mit einer intentionalen Gemeinschaft von bis zu 20 Bewohnern und fünf Hektar gemeinsam bewirtschaftetem Land eine ländliche Gemeingüterökonomie kleinster Größenordnung. Es befindet sich nach ca. 15-jährigem Bestehen insofern in einer Transformationssituation, als der vom Verpächter gewünschte Verkauf des Geländes an den Verein Grundsatzfragen zu zukünftigen Eigentums- und Machtverhältnissen, Teilhabe und der Langzeitausrichtung des Projektes stellt. In diesem Kontext gehe ich folgenden Fragenkomplexen nach: 

  1. Sozialwissenschaftlicher Teil
    Was sind Herausforderungen und Dynamiken des Wagendorfes FreirAUm e.V. bei Greifswald? Wie ist das Projekt in der Landschaft bekannter intentionaler Gemeinschaften zu verorten? Was sind mögliche positive Zukunftsvisionen? 
  2. Philosophisch-theoretischer Teil
    Welche Bedeutung kommt utopischem Denken in Transformationsprozessen von Gemeingüterökonomien und intentionalen Gemeinschaften zu? Was lässt sich aus der Fallstudie für die sozial-ökologische Transformation und die Utopie von einer Welt-Allmende lernen?

Im ersten Teil der Arbeit stelle ich in einer Fallstudie mit Methoden qualitativer Sozialforschung Geschichte, Situation, Zielsetzung und Träume der Wagendorfgemeinschaft Alt Ungnade heraus, wofür ich das Institutional Analysis und Developement Framework aus der Commonsforschung heranziehe (IAD-Framework, vgl. McGinnis 2014). Durch einen Vergleich mit ähnlichen Projekten und Verortung in der Landschaft intentionaler Gemeinschaften nach Kategorien des Eurotopiaverzeichnisses (Würfel 2014:47) identifiziere ich Stellschrauben in den Entwicklungsdynamiken des Wagendorfes. Anhand dieser Stellschrauben entstehen in der folgenden Utopien-Entwicklung mit der Methode „Imaginary Reconstitution of Society“ („IROS“, Levitas 2013) unter Berücksichtigung der Rahmenbedingungen denkbare positive Zukünfte für die Gemeinschaft. Im philosophischen Teil der Arbeit erörtere ich die Rolle utopischen Denkens in Commons und intentionalen Gemeinschaften anhand der Fallstudie und zentraler Literatur und wage den Versuch, Parallelen zur sozial-ökologischen Transformation aufzuzeigen. Allmende-Utopien von regionalem bis globalem Maßstab, skizziert nach der IROS-Methodik, konkretisieren die vorherigen Gedankengänge und werfen Fragen zu der Gestalt der Zukunft auf, die wir uns als Gesellschaft erträumen.

Literatur

Anderson, E. N. (1969): The life and culture of ecotopia. In: Dell Hymes (Hg.): Reinventing Anthropology. New York 1969, S. 264–283. 

Helfrich, S.; Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.) (2014):Commons. Für eine neue Poltik jenseits von Markt und Staat. Bielefeld: Transkript-Verlag. 

Levitas, R. (2013): Utopia as method. New York: Basingstoke.

McGinnis, M.D. (2014): Updated Guide to IAD and the Language of the Ostrom Workshop: A Simplified Overview of a Complex Framework for the Analysis of Institutions and their Development. Working Paper. Abgerufen 09/16 in der Digital Library Of The Commons: dlc.dlib.indiana.edu/dlc/ 

Ostrom, E. (1990): Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action. Cambridge; New York: Cambridge University Press, 

Ostrom, E (2009): Beyond Markets and States: Polycentric Governance of Complex Economic Systems. Prize Lecture. Workshop in Political Theory and Policy Analysis, Indiana University, Bloomington, In 47408, and center for the study of institutional diversity, Arizona State University, Tempe, U.S.A. Abgerufen 09/16 unter: www.nobelprize.org/nobel_prizes/economic-sciences/laureates/2009/ostrom lecture.pdf.

Thapa, Philipp P. (2016): Ökotopismus. In: Ott, Konrad, Dierks, Jan, Voget-Kleschin, Lieske (Hg.): Handbuch Umweltethik. Stuttgart: J.B. Metzler.

Unmüßig, B. (2012): Vorwort. In: Helfrich, S.; Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.) (2014):Commons. Für eine neue Poltik jenseits von Markt und Staat. Bielefeld: Transkript Verlag. S. 14.

WBGU (2011): Hauptgutachten. Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. Berlin: WBGU. 

Würfel, Michael (Hrsg.) (2014): Eurotopia-Verzeichnis: Gemeinschaften und Ökodörfer in Europa. 2. Auflage, Würfel-Verlag, Sieben Linden. S. 47, 55